Sidney Claire Meyer

Eine intensivere Beziehung zur Musik

Sidney Claire Meyer von den Emil Berliner Studios betreut die Fertigung der Vinyl-Editionen von Berliner Philharmoniker Recordings. Das Comeback der Schallplatte erklärt sich die Ingenieurin für Mastering und Disc Cutting durch eine intensivere Beziehung zur Musik, die das analoge Medium ermöglicht. Über Besonderheiten und Herausforderungen beim Mischen, Mastern und Schneiden von LPs gemäß der höchsten Standards, denen die Aufnahmen der Berliner Philharmoniker unterliegen, spricht sie hier im Interview – und über Marktentwicklungen der Tonträgerindustrie.

 

Sie betreuen die Herstellung der Vinyl-Editionen von Berliner Philharmoniker Recordings. Wie gehen Sie vor, sobald Sie eine Aufnahme bekommen haben?

Wenn ich die Aufnahmen erhalten habe, importiere ich sie zunächst in meine digitale Audio-Workstation. Dort mache ich mir einen Überblick über Spielzeiten, Anzahl und Reihenfolge der Stücke, Dynamik, Intensität, Besetzung/Arrangement und die generelle Klangästhetik. Anschließend versuche ich einzuschätzen, welche Passagen oder Titel besonders kritisch sein könnten, denn bei der Schallplatte – einem analogen Medium – müssen spezifische Dinge berücksichtigt werden. Wird das Programm zu leise überspielt, treten Rillengeräusche wie Rauschen oder Knackser deutlicher hervor, es leidet der sogenannte Rauschabstand. Einige Instrumente neigen jedoch dazu, auf der Platte bereits bei mittleren Pegeln störende Verzerrungen zu erzeugen. Dazu gehören auch Blechblasinstrumente. Für die Weihnachtsplatte Frohe Weihnachten! war also entscheidend, den »Sweet Spot« zu treffen, damit sich das Musiksignal gut vom Laufgeräusch abhebt, und gleichzeitig so moderat zu bleiben, dass der Hörgenuss nicht durch Verzerrungen geschmälert wird.


Sidney Claire Meyer

Sobald ich eine Vorstellung davon habe, wie die Überspielung technisch und klanglich umgesetzt werden kann, folgt ein Testschnitt. Lackfolien lassen sich wie eine ganz normale Schallplatte abspielen, sodass ich direkt beurteilen kann, wie sich das Ergebnis später anhören wird. Dabei schneide ich die Rillen der ausgewählten Passagen genau an der Stelle auf der Platte, wo sie sich später befinden werden.

Klingt der Testschnitt so, wie ich es mir vorgestellt habe, schneide ich anschließend das Schallplatten-Master für die industrielle Fertigung. Sollte ich dagegen feststellen, dass etwas nicht wie gewünscht klingt oder Probleme auftreten, analysiere ich die Ursache und passe die Überspielparameter entsprechend an. Aber bei akustischer Musik gibt es meistens keine bösen Überraschungen.

Dieses Master darf nicht mehr abgespielt werden, weil man beim Master im Gegensatz zum Testschnitt keine Abnutzungen in Kauf nehmen möchte. Stattdessen überprüfe ich unter dem Mikroskop, ob die Rillen die richtige Tiefe haben, ob sie sauber geschnitten sind, sich nicht anschneiden und so weiter. Wenn alles einwandfrei aussieht, verpacke ich die Lackfolien sorgfältig und schicke sie so schnell wie möglich an das Presswerk. Die zügige Verarbeitung ist entscheidend für die Qualität des Produkts, denn Lackfolien sind zeit- und temperaturempfindlich. Nach dem Schnitt verändert der Lack seine Oberflächenspannung, wodurch sich die Rillenformen nochmal minimal verändern können. Um das zu vermeiden, muss die Folie möglichst kühl transportiert und gelagert werden. Im Presswerk wird durch Galvanisierung ein Metallmaster hergestellt – erst dadurch wird die plastische Form stabil und haltbar gemacht.

 

Was finden Sie bei der Herstellung einer Schallplatte besonders spannend? Arbeiten Sie schon lange in diesem Bereich?

Ich arbeite seit 2017 bei den Emil Berliner Studios, damals fing ich als Praktikantin an. In dieser Zeit habe ich eine Begeisterung für alles entwickelt, was mit Analogtechnik zu tun hat, insbesondere für die Herstellung von Schallplatten. Mein Chef Rainer Maillard hat das gespürt und wollte mir unbedingt ermöglichen, von einem der erfahrensten Ingenieure der gesamten Branche zu lernen. Daraufhin schickte mich meine Firma 2018 für einige Wochen nach Los Angeles zu Kevin Gray. Das war in jeglicher Hinsicht einmalig, zumal er als Ein-Mann-Betrieb eigentlich keine Praktika anbietet. Ich durfte viel Zeit in seinem Studio verbringen, seine Philosophie beim Mastering erlernen und mich mit seiner Schneidemaschine (einer Neumann VMS 66) vertraut machen. Es gibt sogar ein paar Platten aus dieser Zeit, die unser beider Kürzel in der Auslaufrille haben.

Seit 2018 bin ich festangestellt als Ingenieurin bei Emil Berliner Studios und schneide seitdem täglich Schallplatten. Langweilig wird es dabei nie, denn trotz Erfahrung beginnt man bei jedem Projekt von null. Man kann nie genau vorhersehen, wie sich eine Aufnahme auf die Schallplatte übersetzen wird. Dieser Aspekt fasziniert mich so sehr an meinem Beruf: Kein Projekt gleicht dem anderen, genau wie jede Aufnahme einzigartig ist. Für digitale Formate spielt es keine Rolle, ob der Inhalt Sprache, Kammermusik oder Heavy Metal ist. Aber für die Schallplatte können schon kleine Unterschiede in der Produktion – wie Mikrofonierung und Mischung – große Auswirkungen haben.


Sidney Claire Meyer

Im Grunde ist es ja unglaublich, dass das Prinzip überhaupt funktioniert: Wir ritzen eine Rille mit nur etwa 40 Mikrometern Breite in eine Oberfläche. Diese enthält feinste Modulationen, die wir teilweise nicht einmal im Mikroskop sehen können. Dabei werden alle Frequenz- und Phaseninformationen enkodiert – und das sogar für zwei Kanäle. Diese Rille können wir später wieder abtasten und erhalten ein klangliches Ergebnis, das dem Original im Idealfall so nahekommt, dass nur geübte Ohren überhaupt einen Unterschied wahrnehmen.

 

Seit 2023 werden in den USA wieder mehr Vinyl- als CD-Einheiten verkauft – wie erklären Sie sich diese Entwicklung? Denken Sie, dass sich der Markt in Europa ähnlich entwickeln wird?

Ja, ich denke, dass dieser Trend auch in Deutschland sichtbar ist. Das sehe ich nicht nur an unserer Auftragslage bei den Emil Berliner Studios. Es gibt vom Bundesverband Musikindustrie jedes Jahr die Veröffentlichung Musikindustrie in Zahlen. Da gibt es schöne Grafiken, an denen man gut erkennen kann, dass seit einigen Jahren die Umsätze durch Schallplattenverkäufe wieder stetig ansteigen, während die Umsätze durch CD-Verkäufe seit der Entwicklung der mp3 rapide zurückgehen. Und da ist ein Trend zu erkennen, dass die Umsätze von CD und Schallplatte sich einander langsam größenmäßig annähern. Wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, könnte die Schallplatte schon bald mehr Umsatz generieren als die CD.

Ich glaube dieser Trend hängt stark mit unserer heutigen Zeit zusammen, in der künstliche Intelligenz allgegenwärtig und digitale Inhalte in unendlicher Menge jederzeit verfügbar sind, sodass viele Menschen sich nach etwas Echtem und Authentischem sehnen. Die Schallplatte bietet genau das: ein physisches Medium, das sowohl optisch als auch haptisch fasziniert. Man hat ein großes, schönes Cover in der Hand, vielleicht ein aufwendig gestaltetes Booklet im gleichen Format, und eine schwere Vinylscheibe. Man kann sogar die Musik in Form von Rillen sehen und berühren.

Auch der Vorgang des Hörens ist ein anderer. Eine Schallplatte hört man bewusst – man legt sie auf, dreht sie um, nimmt sich Zeit. Dadurch entsteht eine intensivere Beziehung zum Medium und damit auch zur Musik. Ich bin überzeugt, dass man den Inhalt auf dieser Grundlage bewusster und mit größerer Wertschätzung konsumiert, als wenn der Streaming-Dienst den ganzen Tag im Hintergrund auf Autoplay läuft. Viele Menschen – und gerade auch viele junge Leute – entdecken dieses Erlebnis wieder für sich. Sie merken, wie schön es sich anfühlt, einen Tonträger wirklich in den Händen zu halten und vielleicht, etwas zu besitzen, das sie mit ihren Lieblingskünstler*innen verbindet.


Sidney Claire Meier mit Toningenieur Guy Sternberg
Sidney Claire Meyer mit Toningenieur Guy Sternberg bei einer Direct-to-disc-Aufnahme eines Konzerts der Berliner Philharmoniker