Was macht für dich den Kern deiner Arbeit aus?
Für mich ist es wichtig, einen Zugang zu der Musik zu haben – über eine Biografie, eine Geschichte oder ein bestimmtes Thema. Es gibt ja im kreativen Bereich wie in der Musikwelt Themen, die immer wiederkommen, große essenzielle Themen. Das sind die Aspekte, die ich spannend finde. Und wenn es da eine kleine Brücke gibt, die mich besonders interessiert, dann probiere ich, daraus eine Idee oder eine Geschichte zu entwickeln. Darin besteht meine Tätigkeit letztlich: Geschichten erzählen. Auch beim Hören von Musik geht man auf eine Reise und es gibt eine Art Storytelling.
Wie entwickelst du ein Konzept für eine Edition?
Normalerweise bekomme ich ein paar Schlagwörter vom Team des Labels. Dann höre ich mir die Musik an. Aber selbst nach über 10 Jahren intensiver Beschäftigung mit klassischer Musik bin ich kein Experte. Ich lese eine Biografie des Komponisten oder der Komponistin und ich versuche herauszufinden, um welche Themen es in der Musik geht. Was bewegte beispielsweise Schostakowitsch? Welche Bedeutung hatte das Komponieren für ihn? Was passierte in seinem Leben? Wie waren die äußeren Umstände und welchen künstlerischen Ausdruck haben sie gefunden? Da entdecke ich immer eine Geschichte, die mich besonders anspricht – vielleicht eine mit Themen, die mich selbst beschäftigen.
Anschließend gehst du direkt mit den bildenden Künstlerinnen und Künstlern ins Gespräch?
Ja, genau. Die Editionen von Berliner Philharmoniker Recordings sind auch deshalb so hochwertig, da sie in Zusammenarbeit mit renommierten Künstlerinnen und Künstlern entstehen. Diesen Anspruch finde ich schön. Wenn man heutzutage Printprodukte oder CDs physisch herausbringt, sollte man auch den Schritt gehen, daraus kleine Kunstwerke zu machen. Herkömmliche Plastik-CDs finde ich als Produkt vollkommen uninteressant. Es freut mich natürlich, dass die Philharmoniker dafür so ein Gespür haben. Allein die Verpackungen ihrer Editionen sind kleine Kunstwerke für sich. Die Zusammenarbeit mit den Künstlerinnen und Künstlern ist sehr spannend: Mit manchen gibt es längere Gespräche, in denen ich meine Vision teile und die Geschichte hinter der Musik, die mich gereizt hat – und warum ich denke, dass sie oder er genau zu diesem Projekt passt.
Mit Thomas Demand (Kirill Petrenko dirigiert Schostakowitschs Symphonien 8–10) ging es besonders um die Symbolik seiner Bilder. Letztlich haben wir uns für die Fotografie der Schließfächer entschieden, einer älteren Arbeit von ihm. Das Grün des Covers bezieht sich auf einen Farbton, der mir oft in Treppenhäusern und Balkonen in Moskau begegnet ist. Die Schließfächer stellen für uns eine passende Metapher für das Eingesperrtsein im kommunistischen Regime dar. Als Komponist mit innovativen Ideen lief Schostakowitsch in der Sowjetunion unter Stalin ständig Gefahr, als Staatsfeind gebrandmarkt zu werden. Das System forderte Uniformität ein, die typische Plattenbau-Architektur aus der Zeit ist ein Sinnbild dafür, individuellen Ausdruck zu beschneiden und Menschen in ein Raster zu zwängen. Demands Foto Lockers spiegelt diesen Aspekt wider und hat dazu eine bedrohliche Ausstrahlung: Assoziationen von Schließfach-Bomben oder Geheimnissen, die sich hinter diesen Türen verstecken könnten, drängen sich auf. Beim Aufklappen der CD-Edition offenbart sich dann ein Blumenmotiv von Demand, das für die Innenwelt Schostakowitschs stehen könnte und so einen Kontrast zum Cover bildet.
Ein Editions-Konzept entsteht mal mit mehr, mal weniger Input von mir. Bei der Mahler-Edition zum Beispiel habe ich eigentlich keine Optionen vorgeschlagen, da habe ich einfach gesagt: Wir brauchen diese eine Zeichnung von Robert Longo. Das war für mich einfach das Mahler-Bild. Ich habe es bei ihm angefragt und es hat wunderbar funktioniert. Jorinde Voigt (Die Berliner Philharmoniker und Frank Peter Zimmermann) wiederum habe ich gesagt, welche meine Lieblingsbilder von ihr sind. Dann haben wir zusammen eins ausgesucht, das zur Musik passte, dazu haben wir Farben gewählt und geguckt, wie das insgesamt harmoniert. So ein gemeinsames Auswählen ist immer sehr schön, da ich viel dabei lerne.