Marek Polewski

»Das Kunstverständnis bei den Berliner Philharmonikern ist einzigartig« – Art Director Marek Polewski im Interview

Marek Polewski arbeitet seit 10 Jahren als freier Art Director für Berliner Philharmoniker Recordings. Gemeinsam mit dem Team des Labels und bildenden Künstlerinnen und Künstlern entwickelt er das visuell-plastische Konzept der Hardcover-Editionen. So entstehen einzigartige Produkte mit individuellem Charakter, deren Verpackung – die Box – stets schon ein kleines Kunstwerk ist. In einem Gespräch gibt er Einblick in Fragestellungen und Prozesse seiner faszinierenden Tätigkeit.

Was macht für dich den Kern deiner Arbeit aus?

Für mich ist es wichtig, einen Zugang zu der Musik zu haben – über eine Biografie, eine Geschichte oder ein bestimmtes Thema. Es gibt ja im kreativen Bereich wie in der Musikwelt Themen, die immer wiederkommen, große essenzielle Themen. Das sind die Aspekte, die ich spannend finde. Und wenn es da eine kleine Brücke gibt, die mich besonders interessiert, dann probiere ich, daraus eine Idee oder eine Geschichte zu entwickeln. Darin besteht meine Tätigkeit letztlich: Geschichten erzählen. Auch beim Hören von Musik geht man auf eine Reise und es gibt eine Art Storytelling.

 

Wie entwickelst du ein Konzept für eine Edition?

Normalerweise bekomme ich ein paar Schlagwörter vom Team des Labels. Dann höre ich mir die Musik an. Aber selbst nach über 10 Jahren intensiver Beschäftigung mit klassischer Musik bin ich kein Experte. Ich lese eine Biografie des Komponisten oder der Komponistin und ich versuche herauszufinden, um welche Themen es in der Musik geht. Was bewegte beispielsweise Schostakowitsch? Welche Bedeutung hatte das Komponieren für ihn? Was passierte in seinem Leben? Wie waren die äußeren Umstände und welchen künstlerischen Ausdruck haben sie gefunden? Da entdecke ich immer eine Geschichte, die mich besonders anspricht – vielleicht eine mit Themen, die mich selbst beschäftigen.

 

Anschließend gehst du direkt mit den bildenden Künstlerinnen und Künstlern ins Gespräch?

Ja, genau. Die Editionen von Berliner Philharmoniker Recordings sind auch deshalb so hochwertig, da sie in Zusammenarbeit mit renommierten Künstlerinnen und Künstlern entstehen. Diesen Anspruch finde ich schön. Wenn man heutzutage Printprodukte oder CDs physisch herausbringt, sollte man auch den Schritt gehen, daraus kleine Kunstwerke zu machen. Herkömmliche Plastik-CDs finde ich als Produkt vollkommen uninteressant. Es freut mich natürlich, dass die Philharmoniker dafür so ein Gespür haben. Allein die Verpackungen ihrer Editionen sind kleine Kunstwerke für sich. Die Zusammenarbeit mit den Künstlerinnen und Künstlern ist sehr spannend: Mit manchen gibt es längere Gespräche, in denen ich meine Vision teile und die Geschichte hinter der Musik, die mich gereizt hat – und warum ich denke, dass sie oder er genau zu diesem Projekt passt.

Mit Thomas Demand (Kirill Petrenko dirigiert Schostakowitschs Symphonien 8–10) ging es besonders um die Symbolik seiner Bilder. Letztlich haben wir uns für die Fotografie der Schließfächer entschieden, einer älteren Arbeit von ihm. Das Grün des Covers bezieht sich auf einen Farbton, der mir oft in Treppenhäusern und Balkonen in Moskau begegnet ist. Die Schließfächer stellen für uns eine passende Metapher für das Eingesperrtsein im kommunistischen Regime dar. Als Komponist mit innovativen Ideen lief Schostakowitsch in der Sowjetunion unter Stalin ständig Gefahr, als Staatsfeind gebrandmarkt zu werden. Das System forderte Uniformität ein, die typische Plattenbau-Architektur aus der Zeit ist ein Sinnbild dafür, individuellen Ausdruck zu beschneiden und Menschen in ein Raster zu zwängen. Demands Foto Lockers spiegelt diesen Aspekt wider und hat dazu eine bedrohliche Ausstrahlung: Assoziationen von Schließfach-Bomben oder Geheimnissen, die sich hinter diesen Türen verstecken könnten, drängen sich auf. Beim Aufklappen der CD-Edition offenbart sich dann ein Blumenmotiv von Demand, das für die Innenwelt Schostakowitschs stehen könnte und so einen Kontrast zum Cover bildet.

Ein Editions-Konzept entsteht mal mit mehr, mal weniger Input von mir. Bei der Mahler-Edition zum Beispiel habe ich eigentlich keine Optionen vorgeschlagen, da habe ich einfach gesagt: Wir brauchen diese eine Zeichnung von Robert Longo. Das war für mich einfach das Mahler-Bild. Ich habe es bei ihm angefragt und es hat wunderbar funktioniert. Jorinde Voigt (Die Berliner Philharmoniker und Frank Peter Zimmermann) wiederum habe ich gesagt, welche meine Lieblingsbilder von ihr sind. Dann haben wir zusammen eins ausgesucht, das zur Musik passte, dazu haben wir Farben gewählt und geguckt, wie das insgesamt harmoniert. So ein gemeinsames Auswählen ist immer sehr schön, da ich viel dabei lerne.

 

»Was ich mache, darf nicht nach Grafikdesign aussehen.«

Das Ergebnis ist in jedem Fall immer mehr als eine einfache CD-Box.

Was ich mache, darf nicht nach Grafikdesign aussehen. Eine solche Gestaltung hätte zwangsläufig etwas Saisonales, eine Ästhetik, die einem bestimmten Trend folgt. Die kann man dann einem Jahr oder einer Zeitspanne zuordnen, in der sie gerade als modern galt. Ich versuche, Produkte zu entwickeln, die nach 10, 20 Jahren immer noch als Kunstgegenstand funktionieren. Kunst ist zeitlos – sie kann über Jahrhunderte hinweg als solche bestehen.

Schaffst du es, dich dabei selbst nicht zu wiederholen?

Es ist mein Anspruch, dass jede Edition einen eigenen Charakter bekommt. Es soll keine serielle Produktion sein. Die Form ist seriell, aber das Artwork soll nicht seriell aussehen. Natürlich gibt es dabei trotzdem konstante Elemente, die Schrift und das Logo mit seinem Wiedererkennungswert liegen wie eine Schablone über dem gestalteten Cover. Alles andere muss frei sein und darf neu interpretiert werden. Die Fragen sind dabei immer ähnlich: Was sind die zentralen Themen und wie kann man diese in eine visuelle und haptische Form übertragen?

 

»Durch die Haptik bekommen die Produkte etwas Skulpturales.«

Wie entsteht das haptische Konzept?

Mal entsteht die Haptik der Boxen in Zusammenarbeit mit den Künstlerinnen und Künstlern, mal ohne sie. Manche sind froh, wenn wir das übernehmen, manche haben Freude daran, sich auch hier einzubringen. Durch die Haptik bekommen die Produkte etwas Skulpturales. Sie werden kleine Kunstobjekte, da ist ja das Anfassen ganz wichtig. Papier ist ein wahnsinnig schönes Medium.

 

Was ist für dich ausschlaggebend bei der Auswahl des Papiers?

Bei Thomas Struth (Kirill Petrenko dirigiert Sergej Rachmaninow) haben wir ein relativ durchsichtiges Papier ausgewählt, um ein Gefühl von Gleichzeitigkeit hervorzurufen. Er selbst hat es so beschrieben: Die von ihm ausgewählte Fotografie mit der Schneelandschaft ist wie eine Komposition aus tausend Instrumenten und Klängen. Wie im Orchester entsteht hier auch im Bild ein Zusammenspiel – durch die Zweige, Äste, Bäume und Sträucher. Und so kam mir die Idee, ein durchsichtiges Papier zu verwenden, bei dem die nächste und übernächste Seite immer schon durchscheinen. Diese Seiten fühlen sich auch toll an. Ein anderer Aspekt ist der Klang des Papiers. Bestimmte Seiten erzeugen einen anderen Klang beim Blättern als andere. Bei Jorinde Voigt haben wir zum ersten Mal dieses ganz dünne Papier genutzt, wie es häufig in Bibeln verwendet wird – auch eine Art Zitat. So wird die CD-Box zur Gesamtkomposition.

 

Wie war der Entstehungsprozess der Ozawa-Edition?

Bei der Hommage an Ozawa haben wir nicht mit einem Künstler oder einer Künstlerin zusammengearbeitet. Da haben wir uns Fotos von ihm angeschaut und ich hatte schon lange den Traum, mit einem bestimmten, sehr speziellen japanischen Papier zu arbeiten. Hier bot sich endlich eine Möglichkeit. In Japan haben die Menschen einen anderen Zugang zu Papier. In Europa gilt oft: je dicker, desto besser. In Japan hingegen: je dünner das Papier, je feiner, desto hochwertiger. Dann stießen wir auf ein Foto von Ozawa, auf dem er einen weißen Leinenanzug trägt. Und ich hatte dieses leicht transparente Papier rausgesucht, in das eine weiße Wellenstruktur eingearbeitet ist, die etwas sehr Musikalisches und Lebendiges hat. Weiß steht in Japan für Trauer. Da Rot Ozawas Lieblingsfarbe war, haben wir uns bei der Typografie dafür entschieden. Auch die Graupappe darunter ist zu erkennen. Man sieht also den Kern der Struktur, der ja normalerweise nicht sichtbar ist bei Hardcover-Büchern.

 

»You complete the artwork.«

Was war der Gedanke hinter den herausnehmbaren Fotos in der Ozawa-Edition?

Es ist keine massenproduzierte Box, sondern ein interaktives Booklet mit eingelegten Fotos, die herausfallen. So erhält man den Eindruck, einen besonders intimen Einblick zu bekommen. Ein bisschen wie Blätter, die man zwischen Buchseiten presst. Oder Fotos, Erinnerungen, die man sammelt. Interaktivität ist ein schöner Aspekt, der stand auch bei der Unsuk-Chin-Edition im Vordergrund. Man kann die Edition aus der Verpackung ziehen und durch das optische Phänomen des Moiré-Effekts entsteht ein neues, dynamisches Muster: »You complete the artwork« – man kauft die Edition und genießt nicht einfach ihren Inhalt, sondern kann sie sogar selbst ein Stück weit mitgestalten.

 

Wie bist du zu Berliner Philharmoniker Recordings gekommen?

Ich arbeitete damals an einem Projekt für die Deutsche Grammophon mit Felix Mesenburg. Dann realisierte ich ein Projekt für das Museum of Modern Art in New York. Kurz darauf kam Felix Feustel in mein Büro und sagte mir, die Berliner Philharmoniker suchten gerade jemanden für Artwork – Felix Mesenburg hatte mich empfohlen. Und dann habe ich Felix Feustel meine Arbeiten gezeigt, vor allem das MoMA-Projekt. Ich hatte da auch eine Art Plattencover entworfen. Das gefiel ihm und Olaf Maninger gut. Und die erste Aufgabe für Berliner Philharmoniker Recordings bestand tatsächlich nur darin, Cover-Ideen zu liefern. Die erste Edition war die Schubert-Box mit den bunten Bäumen, ein Foto von David Benjamin Sherry, den ich schon lange toll fand. Ich recherchiere natürlich grundsätzlich, was für Cover es für die jeweilige Musik schon gibt. Ich finde es schön, wenn man konzeptionell logische Ideen frisch und modern umsetzt und sich dabei auch aus der gewohnten visuellen Marketing-Ästhetik der klassischen Musik löst – nicht gezielt für ein mutmaßlich älteres Publikum produziert, sondern schaut: Was finde ich ansprechend? Bei Schubert ergaben sich dann aus seiner Naturverbundenheit diese Waldaufnahmen. So gestaltete ich das erste Cover, ein zweites, ein drittes – und dann schlug ich vor, das Artwork auch im Inneren der Edition fortzusetzen, sodass sich die Ästhetik durch das gesamte Produkt zieht. Ich genieße das Vertrauen des Labels nun seit 10 Jahren und das freut mich sehr.

 

Cover von There Will Never be Silence, LP-Edition erschienen bei MoMA/MoMA PS1 Record label

 

»Die Arbeit für Berliner Philharmoniker Recordings ist ein Traumjob.«

Welches Projekt für Berliner Philharmoniker Recordings lag dir besonders am Herzen?

Ich glaube, die Schostakowitsch-Edition, weil sie so vielschichtig ist. Ich bin in Moskau geboren, dadurch konnte ich in diese Geschichte persönlich tief einsteigen und auch mit meinen Eltern über die damalige Zeit sprechen. Die Box ist radikal, finde ich, konzeptionell stark und konsequent – auf sie bin ich wirklich stolz. Außerdem mag ich die Mahler-Vinyl-Edition, weil sie so monumental ist. Das Cover berührt mich. Dieses Bild ruft Erinnerungen an die Corona-Pandemie in mir wach, da wir in der Zeit dieser globalen Krise an dem Projekt gearbeitet haben. Für mich steht Mahlers Musik für die Conditio humana – die Gleichzeitigkeit von Leben und Tod, Freude und Leiden, Liebe und Einsamkeit, Hoffnung und Verzweiflung. Kein Bild repräsentiert diesen Zustand für mich besser als Blue Marble – ein Foto, das amerikanische Astronauten von der Erde gemacht haben. Robert Longo hat dieses Foto 2012 fotorealistisch abgezeichnet und mir war klar, dass diese Arbeit das Cover für die Mahler-Edition sein muss. Es gibt diese Geschichte, dass ein Astronaut zum anderen sagte: »Hey, dreh dich mal um, schau mal: die Erde.« Ihr Auftrag war es, den Mond zu fotografieren. Und dann waren sie alle ganz erschlagen von der Schönheit ihres eigenen Planeten. Es gibt ein Phänomen, das als Overview-Effekt beschrieben wird: Der Anblick der Erde aus dem All ruft ein Gefühl tiefer Ehrfurcht und Verbundenheit hervor, woraus ein gesteigertes Verantwortungsbewusstsein für die Umwelt resultiert. Und die Natur war für Mahler ja ein zentrales Sujet. Auch diese Box ist wunderbar schlüssig. In ihrem Booklet finden sich dann der Mond und Sterne, und wenn man die 16 LP-Cover zu einem Quadrat zusammenlegt, ergibt sich eine 1,20 m x 1,20 m Sonne – wie in einer Reise durch die Galaxie, dazu dieses schöne Blau, es ist eine Art Yves-Klein-Blau.

 

Wenn du etwas selbst konzipieren könntest im Musikbereich, was wäre das?

Ich muss sagen, die Arbeit für Berliner Philharmoniker Recordings ist ein Traumjob. Ich habe Kunst studiert und für viele unterschiedliche Labels gearbeitet. Die Offenheit für diese Form der Zusammenarbeit, die mir dieses Label entgegenbringt, das Kunstverständnis hier – all das ist einzigartig.